
Der teuerste Fehler im Explosionsschutz steht häufig nicht im Zoneneinteilungsplan
Wenn über Explosionsschutz gesprochen wird, richtet sich die Aufmerksamkeit meist auf Zonen, Gerätekategorien, Ex-Kennzeichnungen und Prüfungen. Das sind sichtbare und wichtige Bestandteile des Explosionsschutzes. Die Grundlage jeder Zone entsteht jedoch deutlich früher.
Bei nahezu jeder Explosionsschutzbeurteilung beginnt alles mit einer einfachen, aber entscheidenden Frage:
Wo befindet sich die Freisetzungsquelle?
Ein gefährliches explosionsfähiges Gemisch entsteht nicht von selbst. Zuerst muss ein brennbarer Stoff, ein Gas, ein Dampf, ein Nebel oder ein Staub freigesetzt oder aufgewirbelt werden. Erst danach kann beurteilt werden, ob ein gefährliches explosionsfähiges Gemisch entstehen kann, wie häufig dies zu erwarten ist und welche Zone daraus abzuleiten ist.
Genau an dieser Stelle entstehen in der Praxis häufig die größten Fehler.
Eine Entlüftung, ein Befüllanschluss, eine Probenahmestelle, ein Mannloch, eine Flanschverbindung, eine Wellendichtung, ein Filteraustrag, eine Absackstelle oder ein Überlauf kann eine Freisetzungsquelle sein. Die Bewertung dieser Quelle bestimmt später die Zoneneinteilung, die Auswahl geeigneter Arbeitsmittel und Geräte, die Anforderungen an Lüftung oder Absaugung, die Instandhaltungsstrategie, die Prüfpflichten und in vielen Fällen auch die Investitionskosten eines gesamten Projekts.
Im deutschen Explosionsschutz ist deshalb nicht der Zoneneinteilungsplan der Ausgangspunkt, sondern die Gefährdungsbeurteilung. Nach der Gefahrstoffverordnung muss beurteilt werden, ob gefährliche explosionsfähige Gemische auftreten können. Das Ergebnis wird im Explosionsschutzdokument nachvollziehbar festgehalten. Die TRGS 720, TRGS 721, TRGS 722 und TRGS 723 konkretisieren diese Vorgehensweise für die Beurteilung explosionsfähiger Gemische, die Vermeidung oder Einschränkung gefährlicher explosionsfähiger Gemische und die Vermeidung wirksamer Zündquellen.
Bei Gasen, Dämpfen und Nebeln erfolgt die Zoneneinteilung nach EN IEC 60079-10-1. Bei brennbaren Stäuben wird EN IEC 60079-10-2 herangezogen. Beide Normen ersetzen jedoch nicht die technische Beurteilung der Freisetzungsquelle. Sie liefern eine Methodik, aber keine automatische Wahrheit. Die Qualität der Zoneneinteilung hängt davon ab, ob die Freisetzungsquelle, die Freisetzungsrate, die Häufigkeit, die Dauer, die Lüftung, die Stoffdaten und die Betriebsbedingungen richtig verstanden wurden.
Im Explosionsschutz wird zwischen Freisetzungsquellen unterschieden, die ständig oder über lange Zeiträume vorhanden sind, Freisetzungen im Normalbetrieb und Freisetzungen, die nur bei vorhersehbaren Störungen, Verschleiß oder Abweichungen auftreten. Diese Einordnung ist entscheidend, weil sie die Wahrscheinlichkeit des Auftretens eines gefährlichen explosionsfähigen Gemisches beeinflusst.
Eine zweite Frage ist ebenso wichtig:
Ist die Freisetzung begrenzt oder unbegrenzt?
Eine begrenzte Freisetzung wird beispielsweise durch eine kleine Öffnung, eine definierte Düse, eine begrenzte Leckage oder eine technisch begrenzte Stoffmenge bestimmt. Bei einer unbegrenzten oder nicht ausreichend begrenzten Freisetzung kann die austretende Menge wesentlich größer sein. Das hat direkte Folgen für die Ausbreitung, die Lüftungsanforderungen, die Ausdehnung der Zone und die Auswahl geeigneter Explosionsschutzmaßnahmen.
Die Folgen einer falschen Bewertung werden oft erst Jahre später sichtbar. Eine Anlage kann dadurch mit unnötig aufwendigen explosionsgeschützten Betriebsmitteln ausgerüstet werden. Das verursacht Kosten, erschwert Instandhaltung und erhöht die Komplexität. Noch kritischer ist jedoch der umgekehrte Fall. Wird eine Freisetzungsquelle unterschätzt, kann die Zone zu klein festgelegt werden. Dann können sich potenzielle Zündquellen unbemerkt innerhalb eines explosionsgefährdeten Bereichs befinden.
Deshalb beginnt Explosionsschutz nicht mit der Frage, welche Zone in der Zeichnung steht.
Die erste Frage muss lauten:
Welche Freisetzungsquelle bildet die Grundlage dieser Zone, und wurde sie technisch richtig bewertet?
Ein Zoneneinteilungsplan ist immer nur das Ergebnis einer Analyse. Die Qualität dieses Plans wird durch die Qualität der Beurteilung der Freisetzungsquellen bestimmt.
Genau dort beginnt wirksamer Explosionsschutz.
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