
Warum vertrauen wir eigentlich einem Ex-Zertifikat?
Eine Ex-Kennzeichnung auf einem Motor, Messgerät oder Gehäuse wirkt selbstverständlich. Hinter diesen wenigen Zeichen steht jedoch ein technisches und organisatorisches System, das darauf ausgelegt ist, Vertrauen nicht auf Annahmen, sondern auf nachweisbare Konformität zu gründen.
In Europa bildet die ATEX-Richtlinie 2014/34/EU den gesetzlichen Rahmen für Geräte und Schutzsysteme zur bestimmungsgemäßen Verwendung in explosionsgefährdeten Bereichen. In Deutschland wird diese Richtlinie unter anderem durch die Explosionsschutzprodukteverordnung (11. ProdSV) umgesetzt. Je nach Gerätekategorie schreibt die Richtlinie unterschiedliche Konformitätsbewertungsverfahren vor. Soweit eine unabhängige Stelle erforderlich ist, beurteilt eine Benannte Stelle (Notified Body) beispielsweise die Konstruktion, das Qualitätssicherungssystem oder – abhängig vom jeweiligen Modul – das Produkt selbst. Im Rahmen der EU-Baumusterprüfung bestätigt sie, dass der geprüfte Produkttyp die Anforderungen der Richtlinie erfüllt. Die Verantwortung für die Konformität der in Verkehr gebrachten Produkte verbleibt jedoch stets beim Hersteller.
International ergänzt das IECEx-System diesen Ansatz. Im IECEx Certified Equipment Scheme werden Produkte auf Grundlage der internationalen IEC 60079-Reihe unabhängig geprüft und zertifiziert. Ein IECEx Certificate of Conformity basiert nicht allein auf einer Typprüfung. Es umfasst ein Ex Test Report (ExTR), die Bewertung des Qualitätsmanagementsystems des Herstellers mittels Quality Assessment Report (QAR) sowie die Zertifizierung durch eine anerkannte IECEx Certification Body (ExCB).
Dadurch wird deutlich, dass Vertrauen nicht durch einen Stempel oder eine einzelne Organisation entsteht. Es entsteht durch das Zusammenwirken von Konstruktion, Typprüfung, Fertigungsüberwachung, Qualitätssicherung, unabhängiger Konformitätsbewertung und technischer Fachkompetenz.
Explosionsschutz wird jedoch nicht allein durch Produkte gewährleistet.
Ebenso entscheidend sind die Menschen, die Anlagen planen, Geräte auswählen, installieren, prüfen, instand halten und reparieren. Deshalb verfügt IECEx neben der Produktzertifizierung auch über das IECEx Scheme for Certification of Personnel Competence (CoPC). Dabei werden nicht nur absolvierte Schulungen bewertet, sondern nachgewiesen, dass Fachkräfte über die erforderlichen Kenntnisse und praktischen Fähigkeiten verfügen, um definierte Tätigkeiten kompetent auszuführen. Eine Teilnahmebescheinigung ersetzt kein unabhängiges Kompetenzzertifikat.
Damit wird der eigentliche Zusammenhang sichtbar.
Ein explosionsgeschütztes Produkt kann nach höchsten technischen Anforderungen entwickelt und geprüft worden sein. Seine Sicherheit über den gesamten Lebenszyklus hängt jedoch ebenso von der fachgerechten Auswahl, Installation, Inbetriebnahme, Inspektion, Instandhaltung, Reparatur und von späteren Änderungen ab. Genau diese Zusammenhänge werden innerhalb der EN IEC 60079-Reihe, der Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV) und der Gefahrstoffverordnung (GefStoffV) berücksichtigt. Produktkonformität und nachgewiesene Fachkompetenz ergänzen sich – sie ersetzen sich jedoch nicht.
Organisationen wie TÜV, DEKRA, Bureau Veritas, DNV, PTB, Baseefa, UL Solutions, CSA Group, LCIE und weitere leisten innerhalb dieses Systems – abhängig von ihren Benennungen, Akkreditierungen und Zulassungen – einen wichtigen Beitrag durch Prüfung, Zertifizierung, Inspektion, Auditierung, Forschung und Mitarbeit in internationalen Normungsgremien. Ihre Aufgabe besteht nicht darin, die Verantwortung von Herstellern oder Betreibern zu übernehmen, sondern durch unabhängige technische Bewertungen Vertrauen und Nachweisbarkeit zu schaffen.
Vielleicht ist genau das der wahre Wert eines Ex-Zertifikats: Nicht das Dokument selbst schafft Vertrauen, sondern das internationale System aus Gesetzgebung, Normung, unabhängiger Konformitätsbewertung und nachgewiesener Fachkompetenz, das dahintersteht. Erst das Zusammenspiel von Technik, Kompetenz und professionellem Asset Integrity Management sorgt für einen dauerhaft wirksamen Explosionsschutz über den gesamten Lebenszyklus einer Anlage.
Quellen
- Richtlinie 2014/34/EU (ATEX)
- Explosionsschutzprodukteverordnung (11. ProdSV)
- Betriebssicherheitsverordnung (BetrSichV)
- Gefahrstoffverordnung (GefStoffV)
- Europäische Kommission – Blue Guide on the implementation of EU product rules
- IECEx Certified Equipment Scheme
- IECEx Scheme for Certification of Personnel Competence (CoPC)
- IECEx 02 – Rules of Procedure
- IECEx Operational Documents (OD 501, OD 503, OD 504)
- EN IEC 60079-Reihe
- ISO/IEC 17020
- ISO/IEC 17025
- ISO/IEC 17065